Probenähen oder: Die Welt ist (un)fair

Kennst du das? Es gibt einen Probenähaufruf und du möchtest unbedingt dabei sein. Schnell sammeln sich zig Bewerbungen. Und zum Ende des Aufrufs kommt die Ernüchterung: Wieder nicht dabei. Natürlich ist man erst einmal traurig. Oder findet die Welt ungerecht. Aber warum ist das eigentlich so?

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My favorite Sweater nach Schauzucker und Emily nach meinem Schnitt

Ja, es gibt Mädels, die wahrscheinlich schon vor dem Aufruf in der Gruppe sind. Das sind meist „Vertraute“ oder Ladies aus den „Stammteams“. Das ist nicht unfair. Sondern ein doppelter Boden für mich als Designerin. Ich lasse keine Schnitte auf die Welt los, die nicht getestet und vorab schon beurteilt sind. Und es gibt einige Mädels, die ich lange kenne und auf deren Urteil ich vertraue. Daher testet diese kleine Gruppe zuerst, bevor ich entscheide, ob der Schnitt Potenzial für euch oder für die Tonne hat. Das hat nichts mit Bevorzugung zu tun, sondern einfach mit einem sinnvollen Vorgehen beim Probenähen. Du investierst Zeit, Energie und Stoff. Daher möchte ich nicht, dass es umsonst ist.

Die Statistik

Oft ist es einfach die statistische Wahrscheinlichkeit. Designer, die die Welt realistisch betrachten, halten ihre Probenähgruppen überschaubar. Ich persönlich möchte nie mehr als maximal 40 Personen in der Probenäh-Gruppe haben. Davon sind meist 10 oder 15 bekannte Gesichter. Das hat gar nichts exklusives, sondern ist einfach der Tatsache geschuldet, dass ich mir für jedes Mitglied der Gruppe ausreichend Zeit nehmen will. Das ist das Mindeste, was ich eurem Engagement und eurem Einsatz schuldig bin und was mir persönlich sehr am Herzen liegt.

Ein Beispiel: Wenn ich mir für jede Nähfee in der Gruppe pro Tag nur 5 Minuten Zeit nehme (was eigentlich viel zu wenig ist), sind das schon über drei Stunden, die ich in der Gruppe verbringe. Damit erklärt sich sehr schnell, warum große Gruppen einfach unfair sind. Viele bekommen dann keine Wertschätzung mehr und es wird sehr schnell sehr kühl in der Gruppe. Das möchte ich gerne vermeiden, denn dein Werk hat meine Aufmerksamkeit verdient. Genau so verhält es sich auch, wenn du Fragen hast. Du sollst zeitnah eine Antwort bekommen. Heißt aber auch: Nicht jede Bewerberin kann zum Zug kommen, weil die Gruppen dann einfach zu groß werden.

Was kannst du tun, um deine Wahrscheinlichkeit zu erhöhen?

Es gibt Faktoren, die es wahrscheinlicher machen, dass du für ein Probenähen ausgewählt wirst. Ob deine Seite nun 10 oder 1.000 Fans hat, ist egal. Es ist sogar egal, ob du überhaupt eine Seite hast. Viel wichtiger ist deine Freude am Handwerk und die „weichen“ Faktoren.

Eine sympathische Vorstellung

Was klingt in deinen Ohren besser: „Hallo, ich möchte gerne nähen. Hier meine Seite…“ oder „Einen wunderschönen guten Tag. Ich bin Vera und 35 Jahre alt. Ich nähe für mein Leben gerne und würde dich sehr gerne unterstützen. Gerade so ein Shirt habe ich noch nie genäht und ich bin gespannt ob ich das hin bekomme. Ich trage Größe 40. Darf ich es versuchen? Meine Seite findest du hier… Ich würde mich wahnsinnig freuen und wünsche dir eine schöne Woche!“
Wahrscheinlich hast du jetzt schon ein Gefühl bekommen, wie Texte ankommen. Und ja, ich muss mich auf die Texte und Vorstellungen verlassen, wenn ich eine faire Auswahl treffen will. Viele von euch kenne ich noch nicht persönlich und der Text ist der erste Eindruck, den ich von euch gewinne. Wenn du dir also ein bisschen Mühe gibst, deine Persönlichkeit in den Text zu packen, habe ich sofort ein Bild von dir.

Ein gutes Bild

Probenähen ist nicht nur Nähen. Sondern auch ein Bild. Alle, die im Probenähen mitwirken sind bei mir auch Teil des eBooks. So hast du die Chance, deine Werke einem breiten Publikum zu präsentieren und auch selbst bekannter zu werden. Es versteht sich von selbst, dass es wichtig ist, die Nähstücke in Szene zu setzen und gute Fotos zu machen. Dabei kommt es nicht darauf an ob du mollig oder schlank, brünett oder blond bist. Sondern es kommt darauf an, dass der Hintergrund stimmig und die Küche aufgeräumt ist. Das das Licht gut ist und man im Bild ein Konzept erkennt. Und dass das Nähstück nicht lieblos auf dem Küchenfliesenboden liegt, während im Ofen die Fischstäbchen funzelig leuchten. Es wäre doch schade, wenn die Welt da draußen so einen Eindruck von deinen Werken bekommt?
Wie heißt es so schön? Bilder sagen mehr als tausend Worte. Und ein gutes Bild fängt das Auge ein. Packe also zu einer Bewerbung immer eines deiner schönsten Bilder. Das erhöht deine Chancen.

Das passende Bild

Der Probenähaufruf dreht sich um Damenkleidung? Wähle ein Bild, das zu Damenkleidung passt. Der Kopf schafft Assoziationen. Wenn du dich also für ein Probenähen zu einem Kleid bewirbst, wähle ein Bild, auf dem du etwas selbst Genähtes trägst. Es muss kein Kleid sein. Aber vielleicht ein Shirt oder ein Cardigan. Irgend etwas, das du für dich genäht hast. Wenn du dich für Kinderkleidung bewirbst, zeig ein Bild von selbst genähter Kinderkleidung. So kann sich der Designer vorstellen, wie du für unterschiedliche Kategorien Stoffe kombinierst und gewinnt einen Eindruck von deinen Fähigkeiten. Auch hier: Völlig egal, ob du Anfängerin oder Profi bist. In den meisten Probenähen sind unterschiedliche Levels gefragt. Ich nehme gerne Mädels dazu, die erst angefangen haben zu nähen. Denn sie helfen mir, die Anleitung so zu gestalten, dass sie wirklich für jeden nähbar ist.

Sei aktiv

Neben der kurzen Bewerbung unter dem Probenähaufruf gibt es auch noch weitere Dinge, die du tun kannst. Zeig dich aktiv in der Nähwelt. Kommentiere in Nähgruppen oder unter Posts von Nähseiten, wenn dir etwas gefällt. Verteile auch einmal ein (ernst gemeintes!) Kompliment oder bringe dich ein, wenn Fragen gestellt werden. So taucht dein Profil auf und die Designer sehen dich. Damit bist du keine Unbekannte mehr, wenn deine Bewerbung unter einem Aufruf erscheint. Die Psychologie sagt: Was wir kennen, mögen wir lieber. Dieser Effekt spielt auch bei der Bewerberauswahl eine Rolle. Wenn ich von Bewerberinnen bereits viele sympathische Posts und Kommentare in Nähgruppen oder auf Seiten gesehen habe, ist sie mir automatisch vertrauter und sympathischer. Auch wenn ich sie noch nicht persönlich kenne. Damit hast du ein kleines Extra-Plus, wenn du in die engere Auswahl kommst.

Fragen kostet nichts

Du willst es ganz unbedingt? Warum nicht einfach einmal einen unkonventionellen Weg gehen und den Designer direkt ansprechen? Natürlich solltest du nicht die Postfächer zumüllen oder mega-aufdringlich sein. Aber eine persönliche Nachricht, die du individuell verfasst hast, nimmt dir bestimmt niemand krumm. Setze dieses Instrument aber wirklich nur dann ein, wenn es dir sehr wichtig ist. Wenn du überall und ständig Nachrichten schreibst, verlierst du vielleicht an Glaubwürdigkeit.

Natürlich kann ich an dieser Stelle nur für mich sprechen und für einige Designer, die ich persönlich kenne. Vielleicht ist es anderswo anders. Wenn du allerdings ein paar dieser Tipps berücksichtigst, klappt es sicher ganz bald auch mit dem Probenähen deiner Träume. Lass dich nicht entmutigen!

Liebst,
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Veröffentlicht von

Nähfee. Kreativkopf. Biker-Lady. Social-Media-Mädchen. Unternehmerin. Katzenmama. Prinzessin.

4 thoughts on “Probenähen oder: Die Welt ist (un)fair

  1. Liebe Eva Marie,
    das hast du wirklich gut geschrieben!
    Ich selber kann es immer nicht verstehen, warum man sich aufregt, wenn man nicht für ein Probenähen genommen wird. Schaut man sich ganz ehrlich mal die anderen 300 Bewerber an, dann ist es oft einfach Glückssache, weil von den 300 Bewerbern oft 200 Bewerbungen genauso toll geschrieben mit genauso tollen Bildern sind wie die eigene. Und Probenähen bedeutet auch viel Zeit und Stoff investieren und oftmals auch ein Teil vernichten, weil es nichts geworden ist. Wir sollten nicht immer alles so persönlich nehmen in der Nähszene!
    Liebe Grüße
    Maren

    Gefällt 1 Person

  2. Da sprichst mir aus der Seele! So oft wundere ich mich über die nicht zum Thema passenden oder schlurigen Fotos bei der Bewerbung… und ich habe mich bei der Auswahl bisher auch für die entschieden, deren Begeisterung aus der Bewerbung spricht!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, liebe Lisa, für deine Gedanken. Und ja, es ist eben so, dass man sich nach Gefühl für die sonnigsten Bewerberinnen entscheidet. Schließlich verbringt man ja auch eine Menge Zeit zusammen im der Zukunft.
      Liebst, Eva Marie

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